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Fakultät für Biologie

Seltener Nachtfalter entdeckt

10.08.2020

Ein Eichenwald in Unterfranken hat für eine kleine Sensation in der Zoologie gesorgt: Dort wurde ein Nachtfalter entdeckt, der als ausgestorben galt.

Ein Exemplar der Hellen Pfeifengras-Grasbüscheleule (Pabulatrix pabulatricula), die bis vor Kurzem als ausgestorben galt.
Ein Exemplar der Hellen Pfeifengras-Grasbüscheleule (Pabulatrix pabulatricula), die bis vor Kurzem als ausgestorben galt. (Bild: Julian Bittermann / Universität Würzburg)

Da staunte Schmetterlingsexperte Hermann Hacker von der Ökologischen Station der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) nicht schlecht. Unter den Insekten, die Doktorandin Sophia Hochrein nachts in Eichenwäldern rund um Kitzingen eingefangen hatte, war eine Kostbarkeit: ein Nachtfalter, der in Mitteleuropa seit Jahrzehnten als ausgestorben gilt und der auch woanders auf der Welt kaum verbreitet ist. Der deutsche Name des Falters ist selbst unter Fachleuten so gut wie unbekannt: Er lautet Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule (Pabulatrix pabulatricula).

Diese Art gehört zu den großen Raritäten der einheimischen Nachtfalterfauna, erklärt Hermann Hacker. Sie lebt in lichten, alten Eichenwäldern mit größeren Beständen an Immergrün, ihre Raupen fressen ausschließlich Pfeifengras. Daher hat der Falter auch seinen Namen.

Pabulatrix gehört dem JMU-Zoologen zufolge zu einer ganzen Anzahl bemerkenswerter Arten, die schon vor 100 bis 150 Jahren aus den mitteleuropäischen Wäldern verschwanden, obwohl ihre natürlichen Lebensräume nach wie vor – scheinbar unverändert – vorhanden sind. Gerade für die Erhaltung und Förderung von Arten, die sehr empfindlich auf Lebensraumveränderungen reagieren, sei eine umsichtige Waldpflege und Waldbewirtschaftung wichtig.

Gleich mehrere Exemplare gefunden

Der erste überraschende Fund eines Pabulatrix-Exemplars datiert in den Juli 2019. Zwischenzeitlich aber haben die Fachleute der JMU bei gezielten Suchaktionen im Sommer 2020 gleich mehrere Exemplare des seltenen Falters nachgewiesen.

Das gelang ihnen im Rahmen eines großen Forschungsprojekts, das die JMU und die Technische Universität München zusammen mit der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft durchführen. In dem Projekt wird die Massenvermehrung von Schwammspinnern in Unter- und Mittelfranken untersucht. Der Schwammspinner ist ebenfalls ein Nachtfalter.

Wiederauftauchen ist eine absolute Ausnahme

Wie und warum sich P. pabulatricula ausgerechnet in einem Waldstück bei Wiesentheid halten konnte, muss noch erforscht werden. Bekannt ist aber, dass Arten über Jahrzehnte unter der Nachweisschwelle überleben können und dann unerwartet wiederauftauchen. Das sei, so Hacker, eine absolute Ausnahme, denn jede Art brauche eine Fläche mit einer bestimmten Mindestgröße, die wiederum eine Mindestgröße der Population garantieren kann. Wird diese Mindestfläche unterschritten, können die Arten durch ungünstige Ereignisse wie Trockenheit oder hohe Temperaturen schnell verschwinden.

Umsichtige und naturnahe Waldbewirtschaftung

Die verantwortlichen Förster, Forstbetriebsleiter Christoph Riegert vom Forstbetrieb Arnstein und sein Kollege Klaus Behr vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, sind begeistert von dem Fund. „Erneut sehen wir, welch wertvolle Wälder durch die Bayerischen Staatsforsten betreut werden“, so Riegert. „Dank umsichtiger und naturnaher Waldbewirtschaftung erhalten wir auch für seltene Arten ihren Lebensraum.“ Klaus Behr hofft auf weitere Vorkommen in ähnlich strukturierten Privat- und Körperschaftswaldungen der Umgebung.

Kontakt

Zur Art: Hermann Hacker, Ökologische Station der Universität Würzburg, Fabrikschleichach, hermann-heinrich.hacker@t-online.de

Zum Projekt: Prof. Dr. Jörg Müller, Ökologische Station der Universität Würzburg, Fabrikschleichach, T +49 931 31-83378, joerg.mueller@uni-wuerzburg.de

Von Robert Emmerich

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